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Smart Living Summit 2022

Dr. Bernd Kotschi im Interview
Zeitschrift BUS Systeme / Moderne Gebäudetechnik

Ausgabe 04.2022

Der Smart Living Summit in München liegt hinter uns. Die Teilnehmer zeigten sich sehr zufrieden und waren voll des Lobes. Was hat jemand verpasst, der nicht dabei war. Was waren die großen Themen auf der Agenda?

Der Smart Living Summit 2022 war im Hinblick auf Programm und Referenten außerordentlich attraktiv und hochkarätig besetzt und hat den Teilnehmern eine Vielzahl interaktive Formate für einen intensiven fachlichen Austausch und branchenübergreifendes Networking wie z.B. unsere Expertennetzwerke zu Matter, Home Energy Management und Digital Health geboten.

Im Fokus des Summits standen drei Kernthemen: Matter, Home Energy Management sowie Interoperability Partnerships, die von den verschiedenen Branchenplayern im Hinblick auf Positionierung im Markt, Anpassung von Geschäftsmodellen und Konsequenzen für Plattform-Strategien und Angebotskonzepte intensiv diskutiert wurden.

 

 

Sie sind Experte für Geschäftsmodelle und Plattform-Strategien im Segment Home Energy Management. Wie sieht hier aktuell der Markt aus? Welche Faktoren sind ausschlaggebend dafür, dass sich Kunden für eine spezielle Lösung - für ein bestimmtes Protokoll im Energiemanagement - entscheiden?

 

Im Segment Home Energy Management (HEM) verzeichnen wir ein hoch attraktives, aber auch komplexes und sehr dynamisches Marktumfeld getrieben durch eine Vielzahl Marktakteure aus mehr als zehn Energie-relevanten Industrien sowie eine extrem gestiegene Kundennachfrage, die aufgrund weitgehender Förderprogramme zur Reduzierung von CO2 Emmissionen über die nächsten 5 bis 10 Jahre andauern dürfte.

 

Die Marktakteure und deren Angebotskonzepte entwickeln sich angesichts der hohen Wettbewerbsintensität in kurzen Innovationszyklen weiter, wobei der Fokus zunehmend auf die Interoperabilität der Systemkomponenten, die Leistungsfähigkeit der Energiemanagementsoftware und die Entwicklung attraktiver Mehrwertdienste gelegt wird.

Deutlich zu beobachten ist ein Wandel in den Angebotskonzepten von PV-Einzellösungen hin zu ganzheitlich integrierten HEM-Systemen bestehend aus Kombinationen von Photovoltaik, Batterie, Wärmepumpe, Elektromobilität und leistungsfähiger Energiemanagement-Software mit innovativen, digitalen Energieservices. In dem Zusammenhang gewinnen Energiemanagement-Gateways an Bedeutung, die nicht nur die Koordination der verschiedenen Systemkomponenten im lokalen Netzwerk des Kunden zur Erhöhung des Autarkiegrades (Eigenverbrauchs) gewährleisten, sondern auch die Anbindung des kundenindividuellen HEM-Systems an externe Energie-Communities oder Flexibilitätsmärkte zur Vermarktung verfügbarer Flexibilitäten ermöglichen.

 

Für Endkunden gewinnen diejenigen HEM-Lösungen an Attraktivität, die eine Vielzahl vernetzbarer Geräte im Haushalt des Kunden in die Optimierungsalgorithmen einbeziehen und darüber hinaus den überschüssigen, nicht selbst benötigten Strom wie auch freie Batteriekapazitäten gewinnbringend extern vermarkten können.

In dem Zusammenhang betreten zunehmend neue Marktakteure das Spielfeld, die die bislang Hardware-zentrierten Geschäftsmodelle etablierter HEM-Marktakteure um wesentliche Software- und Dienste-Komponenten erweitern.

Zudem dürfte bald auch zur Realität werden, dass der Smart Home Markt insbesondere durch HEM-Anbieter an Fahrt gewinnt und HEM-Plattformen mit Smart Home verschmelzen.  

 

 

Ein großes Thema bei dem Netzwerktreffen war Matter. Technologisch betrachtet, ist die Matter Version 1.0 marktreif. Wie ist der aktuelle Stand?

 

Unter Smart Home Experten herrscht in Bezug auf Matter weitgehend Konsens: Mit Einzug von Matter wird die Akzeptanz für sog. „stand-alone“ Produkte und geschlossene Smart Home Plattformen zugunsten von Matter-Anwendungen stark zurückgehen.

Jedoch stehen wir erst am Anfang dieser spannenden Entwicklung. Obwohl mehr als 190 Geräte aus 15 Gerätekategorien von mehr als 50 Herstellern Matter-zertifiziert wurden, verläuft deren Markteinführung verzögert. Ausgewählte Produkte von Amazon, Apple, Google, Samsung, Eve, BOSCH, Schneider Electric, Tuya u.v.a. sind jedoch bereits verfügbar. Im Laufe des Jahres 2023 wird sich die Anzahl Anbieter und verfügbarer Produkte jedoch deutlich steigern.

 

 

Welche Anbieter werden am meisten profitieren können und welche Herausforderungen sind damit verbunden?

 

Matter hat das Potenzial die Spielregeln im Smart Home Markt grundlegend zu verändern und bietet den Marktakteuren die Chance, das eigene Kerngeschäft deutlich zu erweitern. Jedoch wird es je nach Positionierung im Markt und gewählter Matter-Strategie Gewinner und Verlierer geben.

 

So können Anbieter Matter-zertifizierter Anwendungen zunächst von einer deutlich höheren Kunden- bzw. Distributionsreichweite profitieren, weil sich die eigenen Produkte in eine Vielzahl Matter-kompatibler Smart Home Plattformen und Ecosysteme einbinden lassen. Dem gegenüber wird jedoch die Wettbewerbsintensität bei Smart Home Standardprodukten steigen, da diese nun weitgehend austauschbar werden. Weiterhin sind Konsequenzen u.a. in Bezug auf die Positionierung der eigenen Hersteller-App im Matter- Wettbewerbsgefüge zu erwarten etc..


Anbieter „klassischer“ Whole-Home Plattformen stehen hingegen unter Zugzwang, ihre Smart Home Plattformen Matter-kompatibel zu machen, denn deren aktuellen Geräteintegrationen beschränken sich im Vergleich zu den Ecosystem-Playern Amazon, Google & Co. lediglich auf wenige Marken und unterstützen auch nur ausgewählte Anwendungen. Auch wenn nun über Matter der Zugang zu einer Vielzahl neuer Gerätekategorien ermöglich wird, mangelt es den Anbietern der sog. Whole-Home Plattformen immer noch an Domain-spezifischen Lösungen und Mehrwertdiensten, um im Wettbewerb mittelfristig bestehen zu können.

 

Anbieter Domain-spezifischer Lösungen z.B. im Segment Home Security oder Home Energy Management können hingegen am meisten profitieren, wenn es ihnen gelingt, ihre professionellen Anwendungen sinnvoll um Matter-zertifizierte Plug & Play Geräte zu erweitern. Dafür sind in deren häufig proprietären Systemen jedoch einige technische Voraussetzungen in Hardware und Software zu schaffen.

 

 

Welche Entwicklungen erwarten Sie in Bezug auf Matter?

Auch wenn bei Matter im ersten Schritt der Fokus auf den sog. Smart Home Basis-Anwendungen liegt, sollen Matter-Spezifikationen in absehbarer Zukunft auch für komplexere, datenintensive und Domain-spezifische Smart Home Anwendungen erarbeitet werden. So wurden bereits sog. Working Groups für Hersteller von Haushaltsgeräten, für Home Security-Anwendungen inkl. IP Cams und auch für Home Energy Management aufgesetzt und weitere werden folgen.

Inwiefern die in den Matter-Arbeitsgruppen engagierten Gerätehersteller bzw. Anbieter der o.a. Smart Home Kategorien aber tatsächlich bereit sind, in den Working Groups tiefe domainspezifische Integrationen ihrer Geräte auf Basis von Matter zu unterstützen, bleibt abzuwarten. 

Grundlegend sollten sich die Anbieter von Smart Home Geräten und Plattformen den durch Matter veränderten Spielregeln im Smart Home Wettbewerb bewusst werden und ihre strategischen Handlungsoptionen, Chancen und Risiken in Bezug auf Matter unter den veränderten Marktbedingungen rechtzeitig ausloten. 

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